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Alltag. Sexismus.

„Ich find’s toll, dass du noch so eine richtige Frau bist.“

WTF!? Ernsthaft? Daran ist so viel falsch …
Bin ich eine richtige Frau, weil ich lange Haare habe? Weil ich rosa mag, weil ich gern Kleider trage, weil ich gern Kuchen backe und noch lieber esse? Bin ich eine richtige Frau, weil ich mit den entsprechenden Geschlechtsmerkmalen geboren wurde? Wow, danke, dass es dir aufgefallen ist.
Und was ist, wenn ich mir die Haare abschneide? Bin ich dann automatisch eine unrichtige Frau? Oder direkt ein unrichtiger Mann? Was macht dann wieder einen richtigen Mann aus, kurze Haare, Blau als Lieblingsfarbe, immer Anzüge tragen und ständig Bier und Burger essen? Na, passt das in dein primitives Weltbild?

Es ist abartig, wie viele Leute ernsthaft glauben, dass man alles nach „Mann“ und „Frau“ einteilen sollte und es dabei auch noch „typische“ bzw. „richtige“ Verhaltensweisen und Eigenschaften gibt. Glaubt ihr das eigentlich wirklich? Noch einmal zum Mitschreiben. Ja, ich mag rosa und Kleider. Weil ich ich bin, nicht weil ich eine Frau bin. Wenn ich mit genau meiner Persönlichkeit und mit meiner Seele als Junge geboren worden wäre, würde ich höchstwahrscheinlich immer noch rosa Kleider tragen, weil ich eben ich bin. Jede, die sich selbst als „richtige“ Frau definiert, ist auch eine richtige Frau. So einfach ist das. Bei Männern auch. Wer sich irgendwo dazwischen oder weder noch identifiziert, ist auch genau das. Wieso zum Teufel sollte jemand anderes als man selbst entscheiden, zu welcher Geschlechteridentität man gehört? Woran? An Haaren, Brüsten oder einem Penis? Vielleicht sollte man dann einmal bitte seine Weltsicht überdenken. Ich kann niemandem ansehen, wer er ist und wie er sich fühlt.

Wenn Leute im Internet oder auf der Straße oder in der Kneipe ernsthaft am liebsten darüber reden, wie berechtigt (!) andere Menschen einem Geschlecht angehören, läuft definitiv etwas falsch bei ihnen. „Verweichlicht“, „unmännlich“, „Mannsweib“ … Geht’s noch? Wenn jemand mich ernsthaft kennenlernt, wird man hoffentlich sehen, dass ich viel mehr bin als „weiblich“. Nämlich chaotisch, sarkastisch, trottelig und hoffentlich liebenswert.

Sollte ich einmal einen Sohn haben, möchte ich nicht, dass er „ein ganzer Kerl“ wird. Er soll kein Chauvi werden. Er muss kein Fußball spielen, keine Actionspiele spielen, muss später kein Bier trinken und auch keine Rülpswettbewerbe gewinnen. Merkt ihr jetzt, wie widerlich, eindimensional und dumm solche Klischees sind? Meine Tochter müsste später auch nicht in erster Linie backen können, Kleidchen tragen, Blumen pflücken, Ballett tanzen und Prinzessin spielen. Wenn ich Kinder bekomme, will ich, dass sie mutig sind, lustig und klug. Dass sie sich selbst kennen und akzeptieren und andere Menschen und Tiere mit Liebe und Respekt behandeln._MG_7431

Ist das so schwierig? Ich will, dass meine Kinder (hier stellvertretend für alle) glücklich sind, dass sie mich in den Wahnsinn treiben, dass sie furchtlos und wieder ängstlich sind, dass sie Vertrauen lernen, wissen, was Recht ist und dass man Unrecht bekämpft. Wenn man sich damit beschäftigt, zu überlegen, was für tolle Eigenschaften es auf dieser Welt gibt, ist es doch viel zu schade, die auf jeweils ein Geschlecht zu beschränken (ganz abzusehen davon, dass diese binäre Aufteilung auch nicht schön ist).
Es ist mir egal, wie „männlich“ oder „weiblich“ ihr seid. Ich möchte Menschen, die Menschlichkeit zeigen.

Rieke

Fotos: Nachtisch Photographie
Ja, im lila Rock. Ätsch.

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2 Kommentare zu „Alltag. Sexismus.

  1. Uih – da hat Dich ein (vermutlich „männliches“) Mit-Glied unserer Gesellschaft wohl so richtig auf dem falschen Fuß erwischt. Zum Glück habe ICH Dich zuerst nicht als „stille“ Fotografie wahrgenommen, sondern als „Repräsentantin“ von „odernichtoderdoch“ und hatte so Gelegenheit, neben Deiner reinen visuellen Erscheinung direkt auch noch Deine Stimme, Deinen Humor und Deine Art, Dich auszudrücken kennen zu lernen – zumindest ein wenig.



    Um meinen Geschlechtsgenossen dennoch ein wenig in Schutz zu nehmen, unterstelle ich einfach Mal, dass er diese Bemerkung nicht sexistisch sondern einfach nur in seiner Wortwahl unbedacht geäußert hat. Wir alle lassen uns – auch wenn wir es uns subjektiv nicht immer eingestehen – gerne zu oberflächlichen, pauschalen und oftmals flapsigen Beurteilungen verleiten. Das ist menschlich.



    Und zum Thema – was ist „männlich“ und was ist „weiblich“? Ich habe schon des öfteren den Wunsch geäußert, dem „Verein: Mann“ austreten zu dürfen, weil ich mich ungern in eine Schublade stecken lasse. Ich mag z.B. Pastellfarben (gerne auch rosa), ich mag „Lichtpoesie“, bin seit Jahren wohl einer der wenigen „männlichen“ Fans. Und ich mag Einhörner, verrückt knuffige Onesies (trag aber keine). Ich unterhalte mich gerne mit Frauen (Mädchen) und nehme sie als Gesprächspartner ernst – pflege regelmässig Freundschaften zu Frauen – und zwar solche ohne „Vorzüge“. Ich verfechte auch die Meinung, dass Mann und Frau Freunde sein können – da es am Ende eine Freundschaft zwischen Mensch-und-Mensch ist – unabhängig von den Geschlechtsmerkmalen.

    Muss unbedingt die Tage den Rest Deines Blogs’ lesen und bei den Gedicht“bänden“ bin ich auch noch nicht durch.

    Liebe Grüße

    Wolfgang B. aus H. (aka TheChronist)

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    1. Hallo Wolfgang,

      schön, mal einen „richtigen“ Namen zu dir zu haben. 😊
      Natürlich ist so eine Aussage nicht sexistisch gemeint, aber allein die Tatsache, dass solche Formulierungen „normal“ sind, bedeutet, dass sexistisches Denken einfach intus ist.
      Natürlich können Männer und Frauen Freunde sein. Der Punkt ist ja gerade, dass es egal ist, ob man Mann oder Frau ist. Ich glaube, wir sind uns einig, dass man Menschen nicht nach ihrem Geschlecht oder Klischees beurteilen sollte, sondern eben einfach nach ihrer Person. 🙂

      Ganz liebe Grüße
      Rieke

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